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15. Januar 2026

Sensible Antennen ausbilden: Warum mentale Gesundheit im Unternehmen Alltag werden muss

Psychische Belastungen steigen. Nicht gefühlt, sondern belegt. Die Folgen zeigen sich in Fehlzeiten, Leistungsabfall und wachsender Unsicherheit in Teams. Viele Unternehmen reagieren mit Workshops, Seminaren und gut gemeinten Einzelmaßnahmen. Doch der Alltag ist oft stärker als jede Intervention.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Tun wir genug? Sondern: Wirkt das, was wir tun dort, wo Arbeit tatsächlich passiert?

Mentale Gesundheit ist keine Maßnahme, sondern eine Führungsaufgabe, ein unverzichtbarer Baustein für eine tragfähige Unternehmenskultur. Unser aktueller Blogbeitrag soll deutlich machen, weshalb punktuelle Angebote allein nicht ausreichen und wie Mental Health Manager als interne Brückenbauer helfen können, psychologische Sicherheit, Prävention und Stabilität nachhaltig im Unternehmensalltag zu verankern.

Kurz gesagt: Es geht nicht um Wohlfühlprogramme. Es geht um Leistungsfähigkeit, Verantwortung und zukunftsfähige Unternehmensführung.

Lesezeit: 5 Minuten


AUF DEN PUNKT

  • Psychische Gesundheit ist kein Einzelthema, sondern Ergebnis von Kultur, Führung und Alltagspraxis.

  • Klassische Trainings reichen nicht aus, wenn Strukturen und Routinen unverändert bleiben.

  • Mental Health Manager können mentale Gesundheitskompetenz dauerhaft im Unternehmen verankern - praxisnah und glaubwürdig.



Wie mentale Gesundheit vom gut gemeinten Angebot zum wirksamen Bestandteil von Führung und Unternehmenskultur wird und warum dafür mehr als Workshops nötig sind, zeigt der im „personalmagazin – neues lernen“ (06/25, S. 44 bis 47) erschienene Beitrag unseres Kollegen Marcel van de Wal (Psychologe und Leiter Arbeitspsychologie, TÜV Thüringen Anlagentechnik GmbH & Co. KG):


Sensible Antennen ausbilden

Zahlen zum Anstieg psychischer Belastungen lassen aufhorchen - und treffen auch Unternehmen, die sich zunehmend zur Aufgabe machen, Unterstützungsangebote aufzusetzen. Mental Health Manager und Mangerinnen auszubilden, kann ein wirksamer Hebel dafür sein.

Die psychische Belastung in Unternehmen nimmt weiter zu. Laut dem DAK-Psychreport 2025 entfielen 17,4 Prozent der Fehltage auf psychische Erkrankungen (DAK, 2025). Depressionen und Reaktionen auf schwere Belastungen sowie Anpassungsstörungen verursachten die meisten Tage von Arbeitsunfähigkeit. Psychische Erkrankungen entstehen dabei selten monokausal. Sie sind das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Arbeitsbedingungen, persönliche Lebensumstände, individuelle Bewältigungsstrategien und organisationale Kultur wirken dabei ineinander. Dieses Zusammenspiel erklärt, warum Standardlösungen selten greifen. Mentale Gesundheit lässt sich nicht verordnen, sondern entsteht im Zusammenspiel von Struktur, Führung und individueller Selbstregulation.

Gleichzeitig übernehmen immer mehr Unternehmen Verantwortung dafür, die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeitenden aktiv zu schützen und zu fördern – auch wenn das bei starker Belastung keine professionelle Hilfe von Therapeuten oder Ärzten ersetzt. Unternehmen erkennen aber zunehmend, dass Prävention, psychologische Sicherheit und eine gesundheitsförderliche Unternehmenskultur nicht nur humanitäre, sondern auch ökonomische Faktoren sind. Mentale Stabilität wird so zunehmend als Teil nachhaltiger Unternehmensführung verstanden. Mentale Gesundheit ist kein Wohlfühlthema, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor für Organisationen und ein Thema, das auf allen Ebenen verankert werden muss.


Warum Workshops und Seminare allein nicht reichen

Trainings zu Resilienz, Stressbewältigung oder Achtsamkeit sind wichtige Impulsgeber, die Organisationen nutzen können, um Angebote für die mentale Gesundheit am Arbeitsplatz zu machen. Doch viele dieser Impulse verpuffen bereits am nächsten Tag, wenn der Arbeitsalltag wieder über sie hinwegrollt. Es ist, als würden unsichtbare Gummibänder die Menschen in alte Muster zurückziehen, in Routinen, Abläufe und Denkweisen, die sich kaum verändert haben. Selbst die inspirierendsten Erkenntnisse verlieren ihre Wirkung, wenn sie sich nicht im Alltag bewähren. Die Gründe sind vielfältig: Seies, dass der Arbeitsalltag dominiert und die Zeit zur Reflexion fehlt, oder dass es an Formaten mangelt, die Impulse in den Arbeitsalltag übersetzen. Auch bleibt oft der soziale Kontext (Team, Führung, Kultur) unverändert. Hinzu kommt, dass nur die Mitarbeitenden selbst wissen, wann und wo Stress entsteht. Pauschale Angebote greifen oft daneben, weil sie an der Lebensrealität vorbeigehen.



Ein Lösungsansatz: Mental Health Manager verankern

Nachhaltige Veränderung gelingt nur, wenn mentale Gesundheit Teil der gelebten Unternehmenskultur wird. Spürbar, glaubwürdig und alltagstauglich. Genau hier setzen Mental Health Manager an. Diese speziell ausgebildeten Mitarbeitenden wirken als Brückenbauer zwischen Theorie und Praxis: 

  • Sie übersetzen psychologisches Wissen in betriebliche Zusammenhänge. 
  • Sie stoßen niedrigschwellige Formate im Team an. Achtsame Meetingstarts, Stressampeln, kurze Reflexionsroutinen. 
  • Sie erkennen frühzeitig Warnzeichen und fördern kollegiale Unterstützung oder externe Hilfe. 
  • Sie gestalten Kultur von innen heraus. Kontinuierlich, pragmatisch und glaubwürdig. 
 Doch auch ihre Wirkung steht und fällt mit der Alltagstauglichkeit. Impulse verankern sich nur, wenn sie als wirksam erlebt werden. Neue Routinen ersetzen alte nicht per Anweisung, sondern durch Nutzen, Sinn und Haltung.

Eine wichtige Funktion liegt bei Führungskräften, die zentrale Multiplikatoren für mentale Gesundheit sind. Sie prägen das Klima durch Vorbild, Sprache und Verhalten. Studien zeigen: Psychologische Sicherheit im Team entsteht nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern durch konsequentes Verhalten der Führungskräfte. Deshalb ist es entscheidend, Führung aktiv in die Ausbildung, Begleitung und Etablierung der Mental Health Manager einzubinden. Nicht als Kontrolle, sondern als aktiv Unterstützende und Mitgestaltende.

Das Ausbildungscurriculum

Die Ausbildung der Mental Health Manager erfolgt modular und kombiniert psychologische, philosophische und praxisbezogene Ansätze. Ziel ist nicht therapeutische Kompetenz, sondern die Fähigkeit, mentale Gesundheitskompetenz im Teamalltag zu fördern.
 
Beispielhafte Module:
  • Multimodales Stressmanagement
    (Stressquellen erkennen, individuelle Strategien entwickeln, Belastungen reduzieren) 
  • Achtsamkeit im Arbeitsalltag
    (Reiz-Reaktionsmuster unterbrechen, Wahrnehmung schärfen) 
  • Haltung & Werte
    (Philosophische Konzepte wie Stoizismus, Lebenskunst, Verantwortungsdenken) 
  • Kommunikation und Konfliktprävention
    (gewaltfreie Kommunikation, psychologische Sicherheit, Feedbackkultur) 
  • Selbstfürsorge und Grenzen
    (eigene Ressourcen schützen, Vorbildfunktion entwickeln)
  • Psychische Störungsbilder
    (Frühwarnzeichen erkennen, Orientierung geben, Grenzen der Rolle beachten) 
Am Ende steht eine praxisnahe Projektarbeit, in der konkrete Maßnahmen im eigenen Team initiiert und reflektiert werden und damit aus Wissen echte Veränderung entsteht.


Erfolg messen – aber wie?

Die Wirksamkeit von Mental-Health-Initiativen lässt sich auf verschiedenen Ebenen überprüfen: 

  • Kurzfristig: Rückmeldungen der Teams, Teilnahme an Formaten, psychisches Klima in Pulsbefragungen
  • Mittelfristig: Reduktion von Krankentagen, niedrigere Fluktuation, gestiegene Zufriedenheit in Mitarbeiterbefragungen 
  • Langfristig: stabilere Teamprozesse, bessere Bindung, resilientere Organisation

Gesundheit wird Alltag oder bleibt Vision

Mentale Gesundheit braucht mehr als gute Absichten. Mental Health Manager sind keine Allheilmittel, aber sie sind eine wirksame Brücke zwischen Wissen und Wirkung. 

(Dieser Text ist zuerst erschienen im „personalmagazin – neues lernen“ (06/25, S. 44 bis 47).) 

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